Stasi und Alltag

Zwei Bücher über Kultur und Unkultur der DDR

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Die DDR ist derzeit, der Fall der Mauer war vor 25 Jahren, ein omnipräsentes Thema. Die Geschichte des Landes ist schon oft erzählt und bebildert worden, aber es gibt immer neue Facetten zu entdecken wie in den beiden Neuerscheinungen, um die es im Folgenden gehen wird.

Das unselige Treiben der Staatssicherheit trieb groteske Blüten, indem man die tragisch endenden Versuche von DDR-Bürgern und Bürgerinnen aus Gründen der Dokumentation und des Erfahrungsaustausches nicht nur hinsichtlich der „Täter“, „Tatorte“ und eingesetzter Hilfsmittel fotografisch festhielt, sondern auch in bestimmten Situationen von Statisten mit den originalen Requisiten bis hin zu den Blutspuren nachstellen ließ und auch dies fotografierte. Das schier unglaubliche Vorgehen des Ministeriums für Staatssicherheit diente zu Beweis-, Lehr- und Anschauungszwecken. Das Bildmaterial sollten selbstverständlich niemals die Geheimakten verlassen. Es kam anders. Der Fotokünstler Arwed Messmer (* 1964), der inzwischen eine große Erfahrung bei der Arbeit mit Archivmaterial zum Thema DDR gesammelt hat und zusammen mit Annett Gröschner mehrere Ausstellungen und Bücher zu den Themen Architektur  und Berliner Mauer  bestritten hat und es damit bis in den dritten Band von Parr und Badgers Weltauswahl geschafft hat, beschäftigte sich in seinem neuesten Projekt mit den nachträglich fotografierten bzw. nachgestellten Situationen.

Buch und Beilage

Buch und Beilage

Messmer hat dazu ein Buch vorgelegt, das über die Ungeheuerlichkeit des eigentlichen Geschehens hinaus von der Frage handelt, was ist in der Fotografie real, was ist inszeniert? Der Fotograf und Kurator setzte sich mit dem schwierigen Stasi-Thema auf doppelbödiger, ambivalenter Weise auseinander, die verblüfft und erschauern lässt. Der groteske Aufwand, den die Staatsicherheitsorgane betrieben haben, um die Insassen der DDR an einer Flucht zu hindern, ist unter Einsatz des originalen, von Messmer aufgespürten, ausgewählten und bearbeiteten Bildmaterials und unter Verwendung neuer Fotos zu einer irritierenden Bilderzählung verdichtet worden. Messmer lässt eine auf der aktenkundigen Realität des Arbeiter- und Bauernstaats fußende, beklemmende Atmosphäre entstehen.

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Das Buch selbst ist in seiner Sequenz lakonisch und ausgeklügelt. Einzelne Motive kehren immer wieder: Schauplätze, Flucht(hilfe)fahrzeuge, Waffen, Werkzeuge, Verletzungen. Erläuterungen zu den Bildern finden sich in einer separaten Textbeilage.

Das Thema Flucht und Bespitzelung durch die Stasi ist auch in einem ganz anders konzipierten Band enthalten, nämlich ein 904seitiger Katalog aus dem Wende Museum in Los Angeles, ja, so weit weg liegt diese umfangreiche und unbefangen Alltags- und Kunstgegenstände aus der DDR sammelnde, aus einer Privatinitiative hervorgegangene Institution, die sich durch diese Publikation in Deutschland bekannt macht. Das Buch stellt hunderte Objekte und Bilder aus allen Lebensbereichen der DDR vor, Massenware wie Unikate, angefangen mit Geldscheinen und dem Thema Konsum, aufhörend mit Wahlplakaten aus dem Jahre 1990 und dem Thema Wiedervereinigigung. Eigentlich ist es kein Fotobuch. Die Fotografie kommt zwar als wichtiger Typ von Exponat vor und es gibt auch Arbeiten von wichtigen Fotografen zu sehen (u.a. Harald Hauswald, Klaus Morgenstern), aber es gibt keine längere Bildstrecken oder Reportagen. Aber: Die Objekte musste ja in sachlicher Manier fotografiert werden, um dieses Panorama (fast) aller Aspekte der DDR überhaupt entfalten zu können. Das typisch propagandistische DDR-Fotobuch ist in diesem Zusammenhang unverzichtbar, wird aber nur in wenigen, dann aber passenden Beispielen gezeigt. Hinzu kommen Unikate wie Brigade- oder Tagebücher. Bücher aus Verlagsproduktion hat man aber im Gegensatz zu Speisekarten, dem Magazin und Schallplatten kein eigenes Kapitel eingeräumt.

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Buch mit Box und Beilage

Buch mit Box und Beilage

Das übersichtlich gestaltete, sehr gut gedruckte und stabil gebundene Buch wiegt einige Kilo und wird in einer Box mit Tragegriff ausgeliefert. Als Beilage gibt es ein Faksimile eines durchgehend als Collage aus Bildern und Erinnerungsstücken gestalteten Reisetagebuchs des Ehepaars P. aus den Jahren 1966-1969 und die Leser haben die Möglichkeit, über eine App weitere „Multimediainhalte“ herunterladen und ansehen zu können (was ich nicht ausprobiert habe). Aber auch ohne diesen Bonus bietet der Wälzer sehr viel Material. Alle Haupt- und Nebenkapitel werden von sehr knappen Texten eingeleitet, die meisten Objekte werden bis auf die nötigsten Daten nicht weiter erklärt – die Fotos sprechen fast immer für sich; nur wenn nicht, gibt es kurze Erläuterungen. Ein Griffregister sorgt für Orientierung bei der Suche nach den acht großen Themen Konsum, Zuhause, Design/Mode, Unterhaltung/Erholung, Reise/Verkehr, Arbeit/Bildung, Politik, Gegenkultur/Bildersturm.

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An wen richten sich die beiden Bücher? Messmers Arbeit ist dem künstlerischen Kontext zuzuordnen. Die Frage, was Bilder vermitteln oder leisten können, steht für ihn am Beispiel des Dokumentierens und Nachstellens der Fluchtsituationen im Vordergrund. Das wuchtige Panoptikum aus Los Angeles ist sowohl Entertainment als auch eine üppig bestückte Fundgrube zur Alltags- und Designgeschichte. Es wird über Ostalgiker und Sammler hinaus alle diejenigen ansprechen, die die DDR nur noch aus dem Hörensagen kennen und sich anhand von Realien ein umfassendes Bild von diesem Land machen wollen.

Beide Bücher zeigen auf ihre Weise, warum die DDR keine Zukunft hatte.

  • Titel: Reenactment MfS
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Archivmaterial, Arwed Messmer
  • Textautor: Annett Gröschner, Matthias Flügge
  • Herausgeber: Arwed Messmer
  • Gestalter: Birgit Vogel, Carsten Eisfeld
  • Verlag: Hatje Cantz
  • Verlagsort: Ostfildern
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: unpaginiert, mit Textbeilage
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 35 Euro
  • ISBN: 978-3-7757-3911-5
  • Titel: Beyond the Wall – Jenseits der Mauer
  • Untertitel: Art and Artifacts from the DDR – Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR
  • Bildautor: Jennifer Patrick (Objektfotos)
  • Textautor: Texte des Herausgebers und von anderen Autoren
  • Herausgeber: Justinian Jampol
  • Gestalter: Benjamin Wolbergs
  • Verlag: Taschen
  • Verlagsort: Köln
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: englisch, deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 904 plus Beilage mit 56 Seiten
  • Bindung: illustriertes Hardcover in Tragebox
  • Preis: 99,99 Euro
  • ISBN: 978-3-8365-4885-4

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