Wer setzt den Standard?

Zwei Fotografenlexika im Wettstreit

Koetzle_Prestel

Die Fotografie ist auf dem Kunstmarkt präsent wie nie. Um sich im wuchernden Angebot an Ausstellungen und Auktionen orientieren zu können, sind zuverlässige Informationen wichtiger denn je. Nachdem jahrelang ein deutschsprachiges Lexikon der Fotografen fehlte, gibt es seit 2002 deren zwei – was nun?

Michael Koetzles Lexikon ist zunächst einmal größer, dicker und teurer als das von Reinhard Mißelbeck. Beide Bücher tragen fast den gleichen Titel, doch in der Unterzeile werden Unterschiede deutlich: Mißelbeck und seine 37 Mitautoren beschäftigt sich mit mit dem Medium von den Anfängen 1839 bis heute, Koetzle konzentriert sich ausschließlich auf das 20.Jahrhundert und auf Europa/Amerika. 800 Einträge im dünneren Buch stehen 550 im dickeren gegenüber. Allein diese Daten zeigen, dass sich die Konzeptionen der beiden Werke deutlich voneinander unterscheiden. Mißelbeck, kurz vor Fertigstellung des Buches verstorbener Kurator für Fotografie am Museum Ludwig in Köln, wählte einen klassisch knappen Lexikonstil. Name, biographische Daten, kurzer, oft stichwortartig formulierter Text zum Leben und Werk, zwei oder drei abgekürzt wiedergegebene Literaturhinweise, auf jeder Doppelseite mindestens eine charakterisierende schwarzweiße Abbildung zu einem der vorgestellten Fotografen – das muss reichen. Eine separate Strecke mit Farbbildern, Vorwort des Verlages, Glossar, Literaturverzeichnis und Bildnachweis runden das Werk ab.

Koetzle, freier Autor und Chefredakteur einer Fotozeitschrift in München, versuchte sich an einer ganz anderen, mehr enzyklopädischen, jedenfalls innovativeren Form eines Nachschlagewerkes, was er auch in der Einleitung erläutert. Zunächst fällt auf, dass der Autor sein Werk recht üppig illustrierte – und zwar zu einem großen Teil mit Wiedergaben von gedruckten Fotografien in Büchern oder Zeitschriften im Zusammenhang der damaligen Veröffentlichung. Das heißt, dass die Bilder im Original-Layout der Zeit zu sehen sind, zuweilen mit mehreren Fotos pro reproduzierter Seite, mit Untertiteln und Umfeld, allerdings stark verkleinert. Ansonsten gibt es auch hier typische Einzelbilder. Dass Koetzle durchgehend in Farbe gedrucktes Bildmaterial einsetzt, das aus zeitgenössischen, oft seltenen Veröffentlichungen stammt, ist ungewöhnlich, macht neugierig und rechtfertigte allein den Anschaffungspreis. Die Artikel sind knapp formuliert und zeigen gegenüber dem Konkurrenzprodukt weitere Unterschiede: Zur Einführung jedes Beitrages wird jeder Fotograf bzw. jede Fotografin mit einem oder zwei Sätzen charakterisiert, dann folgt der eigentliche, wie bei Mißelbeck knapp formulierte lexikalische Eintrag, abschließend eine Wertung aus der Feder eines Kritikers oder Fotohistorikers, ergänzt um eine kurze Liste wichtiger Ausstellungen und Veröffentlichungen. Eine für jeden Eintrag wiederkehrende Leiste mit Kürzeln zeigt an, ob der Fotograf bzw. die Fotografin schon früher in anderen Lexika verzeichnet wurde (Fettdruck) oder nicht, eine ganz praktische Sache, sieht man doch im Zweifelsfall sofort, ob sich eine Nachsuche lohnt oder nicht. In der Marginalspalte werden zusätzlich Stichworte erläutert, die ein wenig wahllos über das Buch verstreut erscheinen, sich aber durch das ausführliche Namens- und Sachregister erschließen lassen. So stehen einige erklärende Sätze zu den „Blauen Büchern“ neben dem lexikalischen Eintrag zu Paul Wolff (passt), die Zeitschrift Atlantis wird nicht neben Martin Hürlimann vorgestellt (es gibt keinen Eintrag zu Hürlimann), sondern neben Lotte Errell (passt nicht).

Ob man Hürlimann eines Eintrages für würdig hält oder nicht, ist eine Ermessensfrage. Mißelbeck beantwortete sie mit „ja“, Koetzle mit „nein, aber…“ und erwähnt den Schweizer nur am Rande. Es ist in beiden Fällen müßig, über die mehr oder weniger subjektive Auswahl der aufgenommenen Fotografinnen und Fotografen zu streiten. Eher illustrativ und am Kunstmarkt vorbei arbeitende, einstmals berühmte Lichtbildner fehlen regelmäßig: Stefan Kruckenhauser, Kurt Hielscher oder Paul Swiridoff sind in beiden Bänden nicht vertreten. Dafür findet man die Becher-Schule recht vollständig bis fast zur jüngsten Generation, die noch gar nicht so lange am Markt vertreten ist. Zur Illustration des Schaffens von Boris Becker wird in beiden Büchern das gleiche Foto abgedruckt, bei Mißelbeck in Schwarzweiß, bei Koetzle in Farbe. Erfreulich ist die Aufnahme wichtiger ostdeutscher Fotografen (wie Ulrich Wüst und Christian Borchert) bei Koetzle, der sogar, völlig zu Recht, den Berliner Karl-Ludwig Lange eingetragen, dagegen aber Wilhelm Schürmann zu Unrecht unterschlagen hat. Und so weiter und so fort. Man könnte die Reihe der Bevorzugten und Benachteiligten noch lange fortsetzen – doch hilft dies dem Leser im konkreten Fall auch nicht weiter. Beide Bücher bemühen sich um Aktualität: Dass Touhami Ennadre auf der Documata 11 vertreten war, liest man bei beiden Autoren, dagegen scheint Candida Höfers Beteiligung an der Kasseler Ausstellung bei Redaktionsschluss der Lexika noch nicht festgestanden zu haben. Manchmal ist bei der Fülle des Materials die Übersicht verloren gegangen: Der 1999 verstorbene Alexander Liberman lebt laut Mißelbeck noch heute in New York…

Eine Empfehlung für das eine oder andere Werk fällt schwer; mehr Einträge unter Einschluss des 19.Jahrhunderts hat Mißelbeck untergebracht, die ausführlicheren, zuverlässigeren Informationen und instruktiveren Illustrationen findet man bei Koetzle, muss hier aber auf die Frühzeit der Lichtbildnerei verzichten. Fazit: Man braucht eigentlich beide Bücher. Selbst Spezialisten werden von den neuen Handbüchern profitieren, auch wenn man hin und wieder einen gesuchten Namen nicht findet. Bibliophile werden allerdings aufgrund der faksimilierten Appetithäppchen Koetzles Buch bevorzugen. Beide Neuerscheinungen konkurrieren um die gleiche Zielgruppe; wer den Standard für das deutschsprachiges Fotografenlexikon gesetzt hat, wird der Markt entscheiden.

PS (2012) Der Markt hat entschieden: Nachdem beide Lexika erst zu Sonderpreisen im Modernen Antiquariat auftauchten und inzwischen vergriffen sind, ist das Lexikon von Koetzle in gewisser Weise fortgeführt worden. Koetzles Buch ist durch seine vielen Abbildungen attraktiver und lebendiger und bietet zudem einen besseren Service hinsichtlich der Bibliographien etc. Für unbekanntere Fotografen braucht man freilich alle Lexika, da hilft auch der Blick ins www nicht viel.

 

 

  • Titel: Das Lexikon der Fotografen
  • Untertitel: 1900 bis heute
  • Bildautor: 
  • Textautor: Hans-Michael Koetzle
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: 
  • Verlag: Knaur
  • Verlagsort: München
  • Erscheinungsjahr: 2002
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 528
  • Bindung: Leinen, Schutzumschlag, Schuber
  • Preis: 98 Euro
  • ISBN: 3426664798
  • Titel: Prestel Lexikon der Fotografen
  • Untertitel: Von den Anfängen 1839 bis zur Gegenwart
  • Bildautor: 
  • Textautor: Reinhold Mißelbeck
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: 
  • Verlag: Prestel
  • Verlagsort: München
  • Erscheinungsjahr: 2002
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 288
  • Bindung: Leinen, Schutzumschlag
  • Preis: 59 Euro
  • ISBN: 3791325299

2 Antworten zu Wer setzt den Standard?

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