Zwischenbilanz

Der Kasseler Photobook Award geht in die 7. Runde

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Alle Jahre wieder fällt mir die Aufgabe zu, für den vom Kasseler Fotobuchfestival organisierten Photobook Award die Titelaufnahme für die Bibliographie zu machen („copy editing“). Die Bücher wurden von internationalen Experten als besonders bemerkenswerte Neuerscheinung der letzten 12 Monate empfohlen. So sitze ich dann dann ein, zwei Tage und zähle die Seiten und Bilder, messe die Einbände aus und suche zum jeweiligen Buch passende Websites der Fotografen und Verlage. Wenn ich mich nicht verzählt oder vermessen habe, stelle ich immer wieder Differenzen zwischen den Verlagsangaben und den real vorhandenen Mengen und Größen fest. Seltsam. Oft, und das wird sich für die traditionell orientierten wissenschaftlichen Bibliographen als echtes Manko herausstellen, fehlen die Verlagsorte, was sich zuweilen noch nicht einmal beim Blick auf die Websites der Verlage ergänzen lässt… Was aber nach der Entwicklung der letzten Jahre gar nicht mehr geht, ist das Verschweigen des Gestalters oder der Gestalterin – auch wenn das Layout vom Fotografen oder der Fotografin selbst beigesteuert sein sollte, darf diese für ein Fotobuch grundlegende Information im Impressum nicht einfach unter den Tisch fallen! Diese Unterlassung kam tatsächlich auch in der 2014er-Auswahl wieder vor.

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Was fiel mir in diesem Jahr, zum siebten Photobook Award, besonders auf? Zunächst einmal, dass einige der Bücher zum Zeitpunkt der Ausstellung der empfohlenen Werke – dieses Mal zuerst im Rahmen des PhotoBookMuseums in Köln ab 19. August, schon vergriffen sind. Das gilt insbesondere für Kleinauflagen im dreistelligen Bereich, ein Effekt, der schon aus den Vorjahren bekannt ist. Das gilt selbstverständlich nicht für alle der genannten Titel; manche aus den früheren Runden sind noch immer lieferbar oder wurden, ausnahmsweise, zwischenzeitlich sogar verramscht (was mehr mit der zu großen Höhe der Auflagen als mit einer zu niedrigen Qualität der Bücher zu tun haben dürfte). Einige andere wiederum, und das spricht für die Auswahl, wurden von Martin Parr und Gerry Badger in den 3.Band ihrer Fotobuchanthologie The Photobook – A history aufgenommen: Gut, Parr und Badger gehören selbst zu den gern und immer wieder gefragten Experten, die aber auch wahrnehmen, was andere für bemerkenswert halten. Die von Jahr zu Jahr weitgehend neu zusammengesetzte Expertenrunde aus aller Welt lag also bislang immer ziemlich richtig, um aus tausenden von Fotobuchneuerscheinungen die relevanten Titel herauszufiltern. Das ist keine Kleinigkeit!

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Weiterhin heimsen die großen, international agierenden Verlage die meisten Nominierungen ein, insbesondere Mack, Steidl, Nazraeli Press und Hatje Cantz. Offenbar ist es doch von Vorteil, eine entsprechende Erfahrung im Produzieren und Vermarkten von Fotobüchern im Hintergrund zu haben. Aber auch junge Klein- und Eigenverlage waren wieder vertreten, so Riot Books gleich mit zwei Titeln sowie AkinaDalpineEamonn Doyle mit einer wirklich hervorragenden Eigenproduktion und ein interessantes Buch aus Polen. Man darf natürlich nicht ausschließlich „Geheimtipps“ in einer solchen Auswahl erwarten. Es bleibt also noch abseits dieses Rankings viel zu Entdecken: Man schaue sich die neuen Bücher von Calin KruseJulia Borissova (ein schönes Interview mit Hermann Lohss hier) oder Jim Reed an. Selbst für sehr gut informierte Kreise gibt es einfach zu viele Nischen und Nebenschauplätze… Andere Bücher waren schon vergriffen, bevor sie die breitere Öffentlichkeit überhaupt wahrnehmen konnte (Thomas Kläber, Tanz; Jens Klein, Hundewege) – der schnelle Erfolg vereitelte sozusagen die Chance auf eine Erwähnung. Bücher von deutschen Fotografen/Fotografinnen scheinen ohnehin nicht so sehr im Focus der Nominierenden zu stehen…

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Meine persönliche Photobook-Award-Bilanz fällt ähnlich aus wie in den letzten Runden: Es war schön, alle Bücher gesehen zu haben. Aber etwa drei Fünftel der Bücher interessiert mich nicht, ein Fünftel kannte ich schon (weil irgendwo gesehen oder von irgendwem empfohlen) und das restliche Fünftel ist zu Anschaffung vorgemerkt – sofern noch zu einem halbweg bezahlbaren Preis zu bekommen. Ein Buch, auf dessen Erscheinen in der Expertenliste des Awards ich gewettet hätte, weil es überragend ist und Diskussionsstoff liefert, wurde nicht nominiert: War Porn von Christoph Bangert (Kehrer, unsere Rezension der 2.Auflage folgt). Dafür ist überflüssigerweise die Neuauflage von Jim Goldbergs Rich and Poor dabei, die Erstausgabe von 1985 ist ohnehin im Fotobuchkanon verewigt. Der (überarbeitete) Klassiker wurde jetzt allerdings durch ein schönes Leporello zweier Straßenabwicklungen (eine Straße rich, die andere poor) im Ed-Ruscha-Stil ergänzt.

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Fazit: Einmal mehr ist mir bei der intensiven Beschäftigung mit den etwa 30 Bänden klar geworden, dass bei Fotobüchern nichts über die persönliche Inaugenscheinnahme geht. Ratings, Blogs und Rezensionen sind hilfreich, aber nicht alles. Wohl dem, der Freunde hat, deren Tipps man trauen kann, der einen gut sortierten Fotobuchhändler in der Stadt hat oder der sich regelmäßig auf den Festivals informieren kann… Die nächste Gelegenheit steht vor der Tür: das PhotoBookMuseum in Köln ist ab 19.8.2014 geöffnet.

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